03.06.12

NIHIL NISI BENE

Dead men smell toe nails
Ian Fraser Kilmister

Boecklin, Brett & Schädel (schottisch)
Nun gibt es ja beim Autor dieser Zeilen sowohl den Hang zum Morbiden, als auch einen von vielen als vulgär, ja: zynisch gar, empfundenen Sinn für abseitigen Humor. Den Drang, einen Zipfel des Großen, des Erhabenen zu erhaschen. Und die Lust, sich grinsend im Dreck zu wälzen.

Auf obigem -wie immer qualitativ katastrophalen, aber hey, das wurde mit einem Telefon gemacht, einem TE!LE!FON!-  Bild sieht man eine kleine Kopie des Gemädes "Die Toteninsel", von denen der Künstler Arnold Boecklin fünf verschiedene Versionen anfertigte. Boecklin lebte und arbeitete unter anderem (Basel, München, Rom) in Florenz. Er war Vater von vierzehn Kindern, von denen die Familie acht verlor.

Nun wurde dem Splog aus verlässlicher Quelle berichtet, dass eine der Töchter Boecklins in Florenz verstarb. Und ebenda auf dem Friedhof für Nichtkatholiken bestattet wurde. Dieser heißt -es wurde an anderer Stelle bereits erwähnt- "Cimitero degli Inglesi" im Volksmund, der Friedhof der Engländer. Im 19. Jahrhundert war Florenz ein beliebtes Reiseziel wohlhabender Briten. Vom grimmen Schnitter plötzlich dahingerafft blieb angesichts der Transport- und Kühlmöglichkeiten der Zeit nichts anderes, als eine Beisetzung vor Ort.

Comare Morte a Firenze
Pragmatisch und nicht frei von katholischem Humor, stellte man damals den Falschgäubigen ein Gelände vor der seinerzeit neben dem Friedhof verlaufenden Stadtmauer zur Verfügung: die ehemalige Müllhalde. Hier ruhen auch Deutsche, Amerikaner, Russen, aber eben vorwiegend Briten und so hat sich der Name bis heute gehalten.

Mittlerweile ist die Ruhestätte auf der Piazzale Donatello eine vom Verkehr umbrandete Insel (sic!), ein Ruhepunkt und sicher eines der lohnenswerten Ziele für Besucher der Stadt. Dass der Friedhof in Farben und Silhouette an Boecklins Gemäde erinnert, versteht sich von selbst.

Das Brett unter der Kopie des Gemäldes stammt natürlich vom Friedhof und war dort Teil eines Tisches im Nebengebäude (wie wiederum aus oben erwähnter zuverlässiger Quelle erster Hand bestätigt). Man kann sich auch ohne blühende Fantasie ausmalen, was im 19. Jahrhundert auf einem großen Tisch im Friedhofsgebäude so aufbewahrt und aufgebahrt wurde. Dass aus diesem alten Brett eine riesige, rostige Holzschraube ragte und ragt, nimmt sicher nicht nur den heutigen Besitzer wunder. Aber die fand eine Bestimmung, denn...

Peter und Christine
...auf einer anderen Reise -zu den Briten, den Schotten auf den Hebriden, to be precise (hier schließt der Kreis)- fand sich in einem Blättchen auf einer Fähre oben gezeigte Vorstellung eines Ladens. Wer sein Etablissement "Post" als den letzten Laden vor Neufundland bezeichnet, muss über den rechten Humor verfügen. Wer dazu noch Hope heißt (dies last, wie man so sagt) und wunderschöne Gebäude hinstellt.... ein Besuch war unumgänglich.

The Post
Es gab Kaffee, Eis und Getränke, sowie die richtige Mischung aus Kunst, Kitsch und Horror. Die Hebriden tun den Rest dazu; wer hier lebt und solche Sachen macht, dem muss man etwas abnehmen. Der Schädel war es dann. Schottland trägt ein weißes Kreuz auf blau, ich bevorzuge schwarz. Peter offensichtlich auch.

Und dass das dann so gut auf das Brett von der Toteninsel passt, lässt beinahe vergessen, dass Boecklins Tochter nicht im Katalog der offiziellen Gräber des Cimitero auftaucht. Aber die verlässliche Quelle weiß zu berichten, dass viele Gräber hier der Entdeckung harren. Man bestattete im Zweifel eben oben drauf. Fern der Heimat gab es niemanden, der sich um die Gräber kümmert und alleine die eine Nacht vor nun vielleicht fünfzehn Jahren, als einheimische Vandalen Grabplatten zertraten und Grabsteine umstürzten sorgte für Verheerung. Wieviel mehr kann dann in den Orkus verschwunden sein, während der langen Zeit, in der der Friedhof verlassen dalag? Der Gedanke jedenfalls zählt, ich mag das Brett, ich mag den Schädel und ich mag die schäbige Kopie eines großen Werkes.

Meister Boecklin soll bei den Briten ja so gut wie unbekannt sein. Wer hier lächelt, teilt meinen Humor.

31.05.12

BABIERLE UFFHEBBE!

Right, right. Doobidoob. A bit tired, maybe, everybody is. Best not to say more. Bedways is rightways now, so we best go homeways. Right?
Dim (Anthony Burgess, A Clockwork Orange, Norton Library, 1962)


Moderator: "Du warst doch auch irgendwie auf der Schule, erzähl doch mal... war da alles noch schwarzweiß?"
 
86 Jahre nach Gründung der Schule, die nach König Karl von Württemberg benannt wurde, hatte ich das Vergnügen. Frau Hoch hieß die erste Lehrerin; sanft war sie und riesengroß, fuhr einen 2CV, auf dem der Kleber prangte: "Fahr net auf mein heilix Blechle!"

Später gab es Unterricht beim Rektor, Herr Braun war wohl sein Name -doch die Erinnering ist ein trügerischer Tümpel- und er bescherte mir eine bis zum Abitur anhaltende Rechenphobie. Herrn Brauns didaktische Vorgehensweise war, Schüler aufstehen zu lassen, um vor der Klasse Rechenaufgaben zu lösen. An die Aufgabe erinnere ich mich nicht mehr, aber an die Angst, da vor allen stehend einen Fehler zu machen. Konnte sehr streng sein, bei falschen Antworten, der Herr Rektor. Also schwieg ich (schlotternd) und der Zorn des Pädagogen kam trotzdem über mich.

Es gab auch einen Lehrer, dessen Name mir ums Verrecken nicht mehr einfallen will. Ihm beliebte, schwatzhafte Naturen durch einen Wurf seines Schlüsselbundes in die Alltag der Schule zurück zu holen. Der war ziemlich jung damals, was der wohl heute macht?

Frau Mattes schließlich war für die 4. Klassen zuständig und eine überall gefürchtete Erscheinung. Ich vermute, selbst der Lehrkörper senkte in ihrer Anwesenheit den Blick. Sie hielt zum Glück große Stücke auf mich, und bis auf das eine Experiment, als ich -die Zunge vor Anspannung im Mundwinkel blitzend- versuchte, die beiden Enden meines Plastiklineals durch Biegen einander nahe zu bringen... nunja, mit einem der Detonation einer Stabhandgranate nicht unähnlichen Knall verabschiedete sich das Messwerkzeug zur Überraschung wirklich aller Anwesenden schlagartig und trug mir hundert Mal "Ich soll im Unterricht nicht mit meinem Lineal spielen!" ein.

Den Hausmeister nannten wir in Verunstaltung seines Familiennamens Winnetou, lachten über sein rotes Gesicht und fürchteten ihn doch wie den Schwarzen Mann: er sah alles und erwischte jeden. Plötzlich konnte dieser massige Mann sich aus dem Nichts materialisieren, dich bei etwas erwischen -vermutlich war die schiere Anwesenheit eines Kindes auf SEINEM Schulhof schon Grund genug für olympischen Zorn- und sein gefürchtetes Verdikt brüllen, immer gleich und für jedermann in gefühlten 100 Kilometer Umkreis hörbar: "BABIERLE UFFHEBBE!"*

Frau Eisen schleppte zur großen Pause täglich ihren Karren von der nahen Bäckerei auf den Schulhof und wir aßen Brezeln, wie sie heute nirgendwo mehr gemacht werden.  Schlimm, wenn einer da das Urteil Winnetous zu hören bekam. Blieb kaum Zeit, die paar Papierfetzen zu sammeln und in den Mülleimer zu werfen, bevor die Pausenglocke wieder alle in Zweierreihen antanzen und ins Zimmer trotten ließ.

Die Kumpels hießen Frank und Thomas und Peter und Feizi. Feizi war der einzig türkische Junge an der Schule. Er schenkte mir selbstgezeichnete Bilder, die oft die Großtaten Atatürks darstellten. Ich beneidete ihn um all die Panzer und Gewehre auf den karierten Blättern. Deutsche Soldaten zu zeichnen war tabu, der Großvater durfte nicht vom Krieg erzählen.

Die Innenstadt war voll hässlicher, krummer Häuser, ein paar Höfe von ehemaligen Stadtbauern, Handwerker, Gewerbe, ein winziges Kino, kleine Geschäfte; bei Lorenz Müller konnte man jede Schraube, jeden Winkel, jedes Metallteil der Welt kaufen; einer der Männer -in blauem Arbeitsmantel versteht sich- verschwand in den Tiefen des Lagers und tauchte Minuten später mit dem benötigten Beschlag wieder auf. "Siebzig Pfennig", oder ähnliches stand dann auf der handgeschriebenen Quittung.


Nun war anlässlich einer Familienfeier ein Gang durch die Stadt unumgänglich. Auch heute ist die Innenstadt fast immer noch voll hässlicher, krummer Häuser. Die Handwerker sind weg, die Handyläden sind da. Das Kino ist schon ewig geschlossen, die Spielsalons erobern die Innenstadt. Wo aber einmal die Schaufenster abgeklebt sind mit der vermeintlich stilvollen Verheißung großer, schneller Kohle in nuttig geschwungenen Lettern, da kommt nie mehr ein anständiger Laden in die Nachbarschaft.

An der oben erwähnten Schule sprechen viele Kinder in der ersten Klasse nur rudimentär deutsch. Denn von den 10% Bevölkerung mit ausländischem Familienhintergrund im Kreis leben wiederum gute 90% in der Kernstadt und den angrenzenden Vierteln. Die ehemaligen Innenstädter wohnen längst außerhalb, sitzen sich fett in miefigen Reihenhäusern gegenseitig auf den Nerven, oder haben -ein reiches Städtchen, darf man nie vergessen- beeindruckende Trutzburgen in teurer Randlage erstellt. Der Einkauf alltäglicher Verbrauchsgüter findet im Gewerbegebiet statt, zum Bummeln fährt man in benachbarte Kreisstädte. Weil es ja "daheim wirklich nix gibt, was für ein Kaff, nicht mal eine simple Jeans kriegst du da!", et cetera, ad nauseam.

Dass vor nicht allzulanger Zeit vor meiner oben vorgestellten Schule ein älterer Herr auf dem Nachhausweg von seinem Stammtisch -Luftlinie Lokal-Wohnung unter 700 Meter- von einer Gruppe junger Männer verprügelt wurde, ist nicht schlimmer Einzelfall, sondern Mainstream: Clockwork Orange ist in der Provinz angekommen.


Eine zusehends verrohende Gesellschaft, freiwillig verblödet, gläubige Jünger von Castingshows, dumpfer Billigunterhaltung und dem stets billigsten Ausweg, die sich zudem über Jahrzehnte scheute, nötige Diskussionen zu führen; wegsah, statt zu reagieren, erntet jetzt eine bittere Erkenntnis: ob dich da deutsche, albanische, russische, türkische, libanesische oder weiß-der-Herr-was für Tritte treffen... zu spät, um Verständnis heuchelnd die World-Music-CD von Putumayo zu zücken.

Moderator: "Danke, Spike, und jetzt zum Wetter!"

*für sprachlich Unterbegabte: "Papierchen auflesen!"


29.05.12

Junge Mädchen und Franzosen

HEYHOLET'SGO!
THE RAMONES

Während in Oban eine Möwe (immer noch nicht Jonathan) auf die Ebbe defäkierte,


und in der Rosslyn-Kapelle nur in deutscher Sprache die Höflichkeit fehlte,


wiewohl vor Dieben und Gesocks verschrumpelt einheimisch gewarnt wurde,


lagen die Ramones GABBAGABBAHEY friedlich in Rom auf dem Nachttisch.


Den Kalauer mit der Nachtischschlampe ersparen wir uns natürlich und gehen direkt zum Thema:

Es gibt junge Mädchen, die wollen sich in einen Franzosen verlieben, wenn sie ein halbes Jahr in Paris studieren, einen Italiener, wenn sie nach Vernazza trampen oder einen jungen Engländer, wenn sie alleine mit dem Rad durch den New Forest reisen.

Sie wollen sich in diesen jungen Mann verlieben, wie wollen mit ihm schlafen und tiefgründige Erlebnisse fürs Leben mitnehmen. Im Bewusstsein, im unumstösslichen Bewusstsein, dass dieser junge Mann niemals der Eine sein kann.

Dann fahren sie nach Hause und sind traurig über die zerbrochene Liebe, denn das kann nicht funktionieren, von da nach hier. Oft ist ja auch die Sprache das Problem und der Alltag bügelte doch sowieso jede Leidenschaft weg.

Also besser diesen süßen Schmerz genießen und dann Ausschau halten nach einem, der passt.

Männer sind Schweine.

21.05.12

Hentai Virus :-!

Wie ich mich heute fühle
Und wie ich wirklich ausseh 

Almost heaven, West-Virgähh... krummer Himmel über Schottland
Mittwoch bis Sonntag elend: bisschen Fieber, bisschen Schüttelfrost, starke Gliederschmerzen. Nachts kein Schlaf, nur schwitzendes Dösen. Gedankenamok ab der dritten Nacht. Versuche, mit Bier oder Whisky in den Schlaf zu gleiten, gehen früh fehl, weil beides widerlich und weggeschüttet. Das mir!

Endlich dann Sonntag von 7 bis 11 Uhr geschlafen. Ein neuer Mensch erhebt sich! Die Sonne scheint, das Leben lacht. 16 Stunden später wieder bereit, die beschissene Dreckswohnung in Trümmer zu legen. Stattdessen MARNIE angesehen, war das alles putzig 1964… Prompt von morgens 5 bis 10 vor 9 geschnorchelt wie ein Baby. Ziemlich schmerzfrei durch den Tag heut. Kein Fieber mehr, aber schwach. Draußen hämisch feucht grinsende Schwüle. "Zum Händler flugs, her mit dem Obst, der matte Körper braucht die Kraft!

Weil die Wortkombination "Kleinwagen (alt)" und "Wegfahrsperre" in manchen Aggregatzuständen des Lebens frei übersetzt "Himmel-
hurenfotzenarschfickverschissenes Stück Technik, fahr zur Hölle
und brenne!" bedeutet, den Einkauf dann fünf Kilometer durch die schwängernde Luftbrühe nach Hause getragen.

Trail of Tears (an anderen Tagen ein beliebter Spaziergang) überlebt, obwohl seit fünf Tagen so gut wie nix gegessen. Aber eh nur auf der faulen Haut gelegen... Apropos: unglaublich, wie gelb und blau und widerlich so ein Leib aussieht, wenn er einfach mal fünf Tage nicht bewegt wird. Das da unten am Ende der Beine können nicht die eigenen Füße sein.

Dann noch den Hof gekehrt, ein paar Pläne besprochen, geholfen ein paar Maße aufzunehmen, dem einem Freund eine Nachricht ausge-
händigt, einem anderen die Farben der Website korrigiert, nicht den Piraten beigetreten, immer noch nichts gegessen; aber was für eine wunderbar manische Stimmung so ein Futter- und Schlafentzug doch schafft.  Kraft fehlt, aber die Energie: Hallöchen, Popöchen!

Alte Grals-Schrauben hinter Rosslyn Chapel für Dan-Brown-Fans.
Natürlich war ich der Meinung, Kunde einer profanen Sommergrippe zu sein. Dann kamen kundige Köpfe auf den Gedanken "Hantavirus!"; und so warte ich auf Blutungen und Nierenversagen, was ich mir momentan sowas von dermaßen nicht leisten könnte, dass ich morgen mal zum Arzt gehen werde.
Den reißerischen Titel (ärmliches Wortspiel mit eben o.a. Erreger) verwende ich übrigens lediglich, um bleiche, wachshäutige, übergewichtige Testosterontodeskandidaten auf mein Splog zu ziehen; es gilt, diesen Monat die Million zu sprengen.

09.05.12

Der kleinen Königin ihr Bruder sein Foto

Okay, Schatz, aber dann schlafen... der Prinz kommt später, ja.
Vabn Rater


Es war einmal vor langer Zeit, in einem Land, nicht weit entfernt. Da lebte eine kleine Königen namens Arschlochbaby. Wir nennen sie lieber kleine Königin.

Eines Tages ritt die kleine Königin auf ihrem Einhorn Pümpel durch ihr kleines Königreich. Von einer Grenze zur anderen. Und wieder zurück. Und zur nächsten Grenze und wieder zurück.


Und zur ersten Grenze.

Und wieder zurück.

Irgendwann sagte Pümpel, der/die/das wie alle Einhörner natürlich sprechen konnte: "Ich hab dermaßen Kohldampf, wenn ich nicht bald was zu beißen kriege, kotz ich Regenbogen!"

Daraufhin lenkte die kleine Königin flugs die Schritte ihres Einhorns zum Kleinen-Königreich-Königlichen-Imbiss.

"Hallo!", sagte Jamal, der Koch.

"Hallo!", sagte Rümpel.

"Hallo!", sagte Arrrrrschlllläääh… die kleine Königin.

"Was darf es sein?", fragte Jamal.

"Hunger hab ich", sagte Tümpel, "großen!"


"Ich auch!", rief die kleine Königin.

"Nichts leichter als das!", rief Jamal und tischte auf.

Und die kleine Königin und Wümpel stopften sich voll mit Essen und Essen und Essen, bis sie nicht mehr konnten.

Leider war es zu viel und sie starben unter schrecklichen Schmerzen einen grausamen Tod.


Gute Nacht, Schatz, schlaf schön!

Ich sollte keine Märchen erzählen. Müssen. Idee gestohlen von Tom Waits. Der sie stahl von den Gebrüdern Grimm. Die sie stahlen vom Prekariat anno zwetschgenneunzig. Creative Commons my ass, würde eine Flachsspinnerin gesagt haben, so man sie gefragt haben würde. Hätte man mal besser. Dann wären all die Mythen gesicherte Einnahemequellen und die Griechen hätten nicht dieses Theater am Hals. Abgrundtiefe Bewunderung für deren Widerstand. Dank Fefe auch einen Link zum passenden Gesichtsausdruck.

08.05.12

8. Mai? Besen raus!

I'm gonna get up in the morning, I'll believe I'll dust my broom
Robert Johnson



Der heutige Tag hat es in sich. Geschichtlich. Natürlich denkt man in Deutschland beim 8. Mai an die Befreiung vom Nationalsozialismus, respektive spricht vom verlorenen Krieg. Je nachdem, wes Geistes Kind. Davon wird tagsüber das übliche, gedankenschwere Brauenrunzeln zu hören und zu lesen sein.

Aber ein kurzer Blick ins Tagebuch...

2010 saß oben abgebildete Möwe auf einem schottischen Geländer. Oban liegt in den schottischen West-Highlands, hat eine sehr okaye (Pardon, was für ein Wortkotzbrocken) Distillery und wer hier lebt, kennt alle Möwen innert eines Monats beim Vornamen. Keine heißt Jonathan.



1838 fordern die demokratischen Sozialisten in Großbritannien zum ersten Mal das allgemeine und geheime Wahlrecht. Für Männer über 21, versteht sich.

1945 freuen sich 10.000 Menschen in Algerien über den gewonnenen Krieg, veranstalten eine Demonstration -auch zur Unabhängigkeit Algeriens- und werden zusammengeschossen. Ohne Beteiligung der Wehrmacht, quelle surprise.

1973 ergeben sich die Indianer des American Indian Movement nach über zwei Monaten Besetzung von Wounded Knee den Regierungstruppen. Und ziehen sich in ihre Spielcasinos zurück.

1988 reckt Herr Engholm sein Haupt als designierter Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Sein Vorgänger Herr Barschel erlag knapp sieben Monate zuvor der Kollision mit einer Genfer Badewanne.

Im selben Jahr wird Herr Mitterand Generaldirektorpräsident von Frankreich. "Fuck Chirac" war noch Jahrzehnte später an einem Brückenpfeiler nahe der Meuse zu lesen. Ob Herr Hollande das gesprüht hatte?

1886 verkauft John Pemberton erstmals sein Allheilmittel gegen Kopfschmerz und Trägheit. Wir nennen es heute Coca Cola.

1954 das erste "Wort zum Sonntag", 1970 die letzte Platte der BEATLES: Let It Be.

Aber das allerallerwichtigtigste passierte vor 99 Jahren: Robert Johnson kam zur Welt. Und wer jetzt nicht "Wow!" sagt, hat nie Blues, Jazz oder Rock und Punk gehört. Ohne den hätte man auch Son House oder Skip James vergessen. Und Muddy Waters wäre nie passiert. Oder Chuck Berry. Und die Rolling Stones. Und die Beatles. Led Zeppelin. Pink Floyd. Sex Pistols. AC/DC. Nirvana. White Stripes. Wire. Television. Radiohead. Et cetera, ad nauseam.

Also lassen wir mal den kleinen Postkartenmaler und seine Apokalypse und all die Schuld und den Horror beiseite und hören unschuldig und hören froh und hören erstmals und immer und immer wieder "Dust My Broom".

Das ist Medizin.

07.05.12

Don't fear the reaper

40.000 men and women everyday (redefine happiness)
Buck Dharma


Der Song geht mir seit Wochen durch den Kopf. Ich mag die Version von HEAVEN 17, sind ja auch alte Helden, die fast nix falsch gemacht haben. Aber daran kann es nicht liegen. Ist vielleicht einfach ein gutes Lied, oder die Apokalypse naht.

Sarkozy geht also, Kubicki triumphiert (was immer das bedeutet), Apple hat zunehmende Sicherheitsprobleme, beherrscht aber dafür quasi den mobilen Internetzugriff. Business as usual, die Welt ändert sich. Draußen den zweiten Abend im Mai wild wabernde Nebelbänke durchs Tal. Schade, dass Hammer keine Draculafilme mehr dreht, meine Wohnung wäre DIE Location momentan.

Hier ein paar Eindrücke vom letzten g'scheiten Hochwasser...

 
Zufahrt zum Haus bei schönem Wetter.

 
Zufahrt zum Haus bei schlechtem Wetter.

 
Dieser kleine See ist eine Wiese beim Fußballplatz.

 
Die schmale Brücke aus rotem Sandstein ist auf diesem Bild leider nicht zu sehen.

So lebt jeder in anderen Verhältnissen. Der Herr Kubicki kuckt gern Kriegsfilme, der Herr Sarkozy hat vermutlich schlechte Laune momentan. Von seiner lieben Carla würde ich lieber schweigen wollen. Jetzt ist er ja kein Rockstar mehr. Mal kucken, wie lange das noch hält... so unter uns Groupies. Da fällt mir eben auf, wie nahe Groupie und Croupier sich sind. Die Chips werden ausgehändigt, mal sehen, was der andere damit macht. Macht? Die Sozialisten sind in Frankreich wieder am Start und draußen keimt ein wunderbarer Montagmorgen.

Es könnte deutlich schlimmer sein, es könnte regnen.


05.05.12

Juvenile Delinquents

NON VITAE, SED SCHOLAE DISCIMUS
Lucius Annaeus Seneca


Katzen sind blöd. Zeigt man mit dem Finger irgendwohin, sieht der Hund in die Richtung. Die Katze schaut auf den Finger. Und sie stinken. Wenn man das Heim von Katzenliebhabern betritt, riecht man die Felidenkloake schon vor der Tür. Katzen sind zudem zutiefst asoziale Wesen. Und sie zwingen mich zum Weinen. Und Schniefen und Rotzen.

Sollte ich jemals den Kerl erwischen, der vor Jahren den Kater unseres unschuldigen Engelchens verschleppt hat, dann lass ich ihn seinen eigenen Schwanz fressen. Den Entführer, versteht sich. Die eingekerbte Kugel liegt bereit, um es in süditalienisch zu sagen; seelischer Schmerz wird vergolten mit Blut.

Vielleicht pappte das Tier aber auch einfach im Radkasten eines LKW.

Kann man mal sehen, wie einen so ein Schulfest aufrührt. Wenn man die ganzen übelriechenden, picklig-klebrigen Adoleszenten sieht, die gestern noch in der Windel hingen und morgen diese Welt flicken sollen. Da keimen Gedanken an die eigene, golden schimmernde Schulzeit. Wie man wohl aussah neben den Riesen Bernhard und Sigmund? Waren die Schulschönheiten wirklich kleine, dicke Mädchen? Und unsere steinalten Lehrer… waren die auch nur zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig?

Vermutlich immer ist da ein Rumpler, der einem Böses will und einer, der zu viel speichelt und zu wenig versteht. Es gibt den Frühreifen, den Spätstarter, das Mauerblümchen und den Holzkopf. Freundschaften fürs Leben werden geschlossen und enden meist nach dem Abitur.

Weise zu werden wie Seneca erfordert eine gewisse Grundintelligenz, abgetragen an einer entsprechenden Lebensspanne voller Wonne, Schmerzen, Zweifel, Lieben, Hoffnung und Enttäuschung. Davon sind diese Würmchen beim Schulfest vermeintlich weit entfernt.

Doch der Kater wird leidenschaftlich vermisst.

04.05.12

Noch einer

 
Also auch MCA. Die Helden sterben weg. Was hatten wir Spaß!

Ich erinnere mich an einen lauen Sommerabend vor fünfhundertdreiundsechzig Jahren und vier Monaten, als ich der Band, der ich damals angehören wollte/sollte, ein Mixtape meiner musikalischen Favoriten präsentierte. Einfach, um klar zu machen, woher ich komme, was ich will, was mich beeinflusst hat.

AC/DC haben sie damals locker weggesteckt, klar. Motörhead belächelt als Dilettanten. Frank Sinatra und alten Tom Waits jovial abgenickt. Edith Piaf war schwer, aber ging. Beethoven via Brendel hatte ich mir gespart. Peter & seine Test Tube Babies waren grenzwertig. The Damned ("Love Song", großes Kino!): Schweigen. Und dann kamen die Beastie Boys. You gotta fight for your right to party. Mit diesem Nichtsolo von Kerry King.

Internationale Koryphäen der plastischen Chirurgie waren nötig, meinen zukünftigen Mitmusikanten die Augenbrauen wieder vom Hinterkopf Richtung Gesicht zu verpflanzen. Das war nahezu unverständlich: primitivstes Riff, prolliger Sprechgesang (der Begriff "Rap" war durchaus noch fremd), stumpfer Drumcomputer und irgendwann Geräusche, die ein Solo sein sollten. Gefühlte Jahrhunderte vor Tom Morello.

Wir wurden natürlich trotzdem eine Band, spielten brav brave Musik, lösten uns auf, gründeten eine neue Band, spielten mehr brave Musik, lösten uns auf, gründeten wieder eine neue Band und nur meinem egomanischen Genie ist es zu verdanken, dass wir heute alle als fette, faltige Multimilliardäre sämtliche Strandvillen der Welt (in Zahlen: DER WELT) besitzen.

Danke, Adam Yauch.

SETUP

Now I'm robbing.
Curtis James Jackson III in SETUP


Und das ist der schlechtesteste Film aller Zeiten der Welt des Universums. Er verkackt die Geschichte eines vermeintlich zornigen Mannes.

Was haben sich Bruce Willis und Ryan Dings (der-irgendwie-überall-auftaucht-Ryan) dabei bloß gedacht? Herr 50 Cent ist ja dank seiner Physiognomie ein Sympathieträger. So auf die Art wie das früher vielleicht der eine seltsame Junge auf dem Schulhof  war, den nicht mal die Schläger ärgern wollten, weil er zu weit draußen war. Mag sein, dass der gar nicht kapiert hat, was für ein Granatenrotz das wird. Ryan Dings marionettet sich durch die gefühlten 360 Minuten des Films (ich hab dann ab 45 Minuten gespult) und Herr Willis ist eine Persiflage von Herrn Willis. O-Ton hilft auch nicht. Mehr Worte zu verlieren wäre Eulen in Athen vergiftet.

Zu den wichtigen Dingen: Zorn ist eine gute Eigenschaft. Man kann damit hantieren. Zorn befähigt einen, Dinge zu tun, die man wütend vermasseln würde. Der angegammelte Begriff "Wutbürger" ist übrigens geschmäcklerisch und gaukelt dem Leser missmutige Rentner und Bessergestellte vor, wo doch eher gebildete Menschen ihrem Ärger auf respektable Art Luft verschaffen. Zorn verleiht Kraft und eine glasklare Einsicht in das Wesen der Situation: Zorn verlangsamt die Zeit und man tut das Richtige.

Es hilft also, zornig zu sein. Wütende Menschen sind wie Oliver Hardy, irgendwie lustig. Zornige Menschen sind ernst.








03.05.12

Midnight in Paris



Peinlich genug mit dieser Verspätung (aber better late than never): das ist der besteste Film aller Zeiten der Welt des Universums. Punkt. 

Das kann sich natürlich morgen ändern, INK hatte auch so eine unglaubliche Wirkung, ich bin da promisk.

Aber was Herr Allen hier abgeliefert hat, hat den Autor dieser Zeilen tief getroffen. Der Mann ist ein Genie. Er holt uns da ab, wo wir gerade sind und macht uns innerhalb von zehn, zwanzig Minuten leichtfüßigen Films klar, wo wir sein wollen. Paris als Ort ist dabei nur als Metapher zu verstehen. Und die Zwanziger als Zeit dergleichen.

Müßig, die Geschichte nachzuerzählen... wer nur je einen Hauch von Literatur und Malerei abgekriegt, fühlt sich hier sofort zuhause. Und wird von Herrn Allen nach einer Stunde und drölfzehn Minuten an der Nase gepackt: die goldenen Zeiten sind stets die alten. Die Hauptfigur träumt von den Zwanzigern, die Dame aus den Zwanzigern von der Belle Époque und die Herren von damals denken an die Renaissance beim Stichwort "Güldene Zeiten".

Owen Wilson als tragender Figur mag ein Teil der Nichtbeachtung geschuldet sein. Zieht der sich nicht immer Fleischbrocken an der Zahnseide vorm Spiegel aus dem Mund? Hier jedenfalls passt das wie ein perfektes Gesäß auf einen handelsüblichen Haushaltseimer. Nicht die Zahnseide. Der Wilson. Ein gutmütiger Narr, der an der Seite seiner Zukünftigen -und deren Eltern- durch ein ferngesteuertes Leben stolpert und immer noch daran glaubt, seiner Berufung gerecht zu werden.

Es ist schon eine tragikomische Verwicklung, das Leben. Wie konnte dieser Film nur an mir vorbei streifen? Natürlich deshalb, werden manche murmeln, weil ich wie die Hauptfigur immer neben dem echten Leben her funktioniere. Und währen sie murmeln hat sich das  "weil ich wie die Hauptfigur immer neben dem echten Leben her funktioniere" schon in ihrem Hirn festgesetzt. Und die Brauen heben sich und wir denken alle nach: eigentlich bin ich ganz anders, nur ich komme so selten dazu.

Das hat ein anderer kluger Mann gesagt. Wer jetzt ohne Google zu nutzen die Antwort weiß, muss ein Raucher sein, der diese Blättchen kauft an deren Innenseite vom Deckel immer diese Weisheiten abgedruckt stehen. Auf dem abgebildeten Päckchen beispielsweise: Das Glück ist ein Mosaikbild, das aus lauter unscheinbaren kleinen Freuden zusammengesetzt ist. Daniel Spitzer

Leider war mir dieser Herr Spitzer bis dato nicht bekannt, trotz humanistischer Bildung  plus Popliteratur. Mea maxima culpa. Gilt es auch, wenn man stattdessen den Herrn Dan Spitz kennt? Von der Thrashmetalband zum Uhrmacher... goldene Zeiten!

22.04.12

Himmel hilf: hammer of the gods



Madonnas Tochter wurde mit 15 beim Rauchen erwischt, die Piratenpartei hat ein Problem mit einer Aussage über Aussagen zum Thema Rechte bei den Piraten und Astronomen wundern sich über die zwar theoretisch bewiesene, aber dann doch irgendwie verflixt nicht nachzuweisende dunkle Materie.

Letzteres Problem kann ich lösen: die gesamte dunkle Materie mindestens unseres Sonnensystems befindet sich in meiner direkten Nähe, also known as das konzentrierte Böse aus dem Weltall*: DIE NACHBARN. Eine Lektion in Langmut wird einem da erteilt, die manch tibetischen Mönch zum Kochen bringen würde.

Und ausgerechnet da fällt mir ein Bild aus Schottland vor die Maus. "In emergency break glass with hammer. To obtain hammer break glass." Danke, Universum. Das ist Zen in der Praxis und die perfekte Übersetzung des Daimoku ins Englische.

Die Piraten sollten sich freuen, dass ihre nicht vorhandene Struktur all die anderen Politikerdarsteller dazu zwingt, im 21. Jahrhundert anzukommen. Die bewirken schon was durch pure Existenz, die Piraten. Dass Madonnas Tochter mit 15 an Zigaretten nuckelt ist übrigens absolut beruhigend, weil normal. Was stünde dem Mädel nicht alles offen an Sünden, bei der Mutter (hier hab ich auch die Landfrauen aus Kreenheinstetten auf meiner Seite)...

*Das Sternchen verweist auf Hugleikur Dagsson, wer sucht, der findet das entsprechende Zitat.

19.04.12

Dog Eat Dog

The French eat frog and I eat you
Bon Scott (1946-1980)


Also im Juni. Das Ende von Gottschalk. Vorabends. Was für ein beschissener Begriff: Vorabend. Nachmittag, Abend, Nacht, Punkt.

Woran der von Trillionen geliebte Entertainer letztlich scheiterte -die Werbepausen, vermutlich- : egal. Frankenfeld und Kulenkampff wäre das nicht passiert, die hätten das einfach nicht gemacht. Nach dem Samstagabend gibt es kein Leben als Spaßmacher im Fännsii. Zwischen Slipeinlagen, Joghurt, Erdbeerschokolade, Knoblauch-pastillen, Autoglasversicherungen und dem WETTER (im Sinne von DARTH WETTER) wird jeder zerrieben wie ein Kinderpopel. Wahnsinnsgäste hin oder her (Hallo Senta! Hallo Anke!).

"Anzi, wie der Italiener sagt", wie ich immer sage.

Dieser Herr Gottschalk war in einer Sendung namens POP NACH ACHT tätig und waltete dort (nach 20 Uhr, der Titel der Sendung verrät viel) seines Amtes als launiger Plattenaufleger. Wie bereits oft an anderer Stelle geschrieben kam eines Abends die den Rockpalast kolportierende Ansage: "Bayern 3 proudly presents: AC/DC!" Und dann kam das Riff von WHOLE LOTTA ROSIE und mein Leben schwenkte links ab.

Was natürlich nicht dem Herrn Gottschalk, sondern den Brüdern Young und dem Herrn Scott geschuldet war und ist: "Tanks for making my life such a mess!"

Die meisten AC/DC-Fans von damals sind heute strunzlangweilige Häuslebesitzer, konservative Wähler, ab und an gar CSU-Politiker. Aber den Geist von damals haben die nie geatmet. Sonst wären die anders.

Der oben abgebildete Ausschnitt des Covers (könnte mich wieder mal meinen Kopf kosten... "Gott, wie polemisch", die Tucke. "Gleis drauf!", der Bahnarbeiter) zeigt übrigens Malcolm Young -der beste Rhythmusghitharrhist des uns bekannten Universums- bei der Arbeit und führt zum Werk.

Worauf das hier zielt? Ganz klar: der eine Mann zeigt dem anderen, was wichtig sein könnte. Sie wählen. Einer wird steinreich, der andere laboriert. Aber am Ende ist es wurscht. Der Reiche fliegt aus der eh schon peinlichen Werbetüte, der andere hat keinen Fernseher und denkt: "Der beste Song auf dem Album war sowieso DOG EAT DOG!"

16.04.12

Klau, lies und kotz


Zum Einstieg Max Goldt: "Diese Zeitung ist ein Organ der Nieder-tracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun."
Der Krapfen auf dem Sims, Alexander Fest Verlag, Berlin 2001

Ältere werden sich eventuell noch an die Gebrüder Engel erinnern. Auf der LP Skandal gab es oben erwähnte Nummer (Link im Titel), die sich mit Deutschlands Lieblingshassblatt beschäftigt. Ich fand die Nummer damals blöderweise nicht ganz so gut, geprägt von angloamerikanischen Klängen war mir kleinem Blödmann die Muttersprache im Rockbereich immer ein wenig peinlich. Aber der Titel dieses Songs blieb stets präsent; an jeder Tankstelle kam er mir beim Bezahlen in den Sinn, wenn der Blick auf das schwarz-weiß-rote Rechteck fiel, das da in großen Lettern den Aufreger des Tages verkündet. Und Jahre später waren die Texte meiner Band auch deutsch, aber das ist eine gaaaaaaanz andere Geschichte. Wobei dabei im Hinterkopf vielleicht all das Zeug von Gebrüder Engel, Dr. Koch Ventilator, Nina Hagen Band (hach, die erste Platte: ein MUSS!) über Fee bis Breslau ihre Spuren hinterlassen hatten, wie gute Rockenrolloperetten das nun mal an sich haben. Und die Fehlfarben. Hansaplast. Die Zimmermänner. Zu spät dafür geboren, aber entdeckt: die Scherben. Ideal! Berlinberlinberlinberlin. Aber ich schweife ab, eine meiner stärksten Eigenschaften, wie ich nicht müde werde, zu betonen.

Jetzt gibt es eine unterstützenswerte Aktion von Campact. Wer obenstehende Grafik klickt, kann ein paar sinnvolle Zeilen loswerden -der vorgegebene Text ist frei erweiterbar- und sich eine unerwünschte Reklameaktion ersparen.

11.04.12

HENNEF [??|06|02]

Die mehr oder minder exquisiten Ergüsse bezüglich einer nicht-mehr-ganz-Karriere mit Stationen zwischen Crailsheim und Weißenhorn ersparen wir uns und schreiten direkt zum Altar. Ein Jahr durch die Provinz getingelt, um wieder am Anfang anzukommen, der Kreis schließt sich.

HENNEF [ein|jahr|später]

Gestern noch bei Gluthitze im Zelt zwanzig Kilometer von hier beste Stimmung. Und heute ein bedeckter Himmel, die Nationalmannschaft hat sich weitergekickt und alle sind irgendwie, man verzeihe den Ausdruck, undrauf. Ich begleite Ace zu den Kellies ans Hyatt, wo er sich ein paar Tipps bezüglich seiner neuen Karriere als Marathon-Mann holen will. Das Gespräch wird umlagert von einer wachsenden Zahl jugendlicher Fans, die mit Autogrammwünschen anstehen. "Das wäre definitv nichts für mich!", denke ich mir.
Später dann endlose Warterei. Beschissene, langweilige Warterei. Zeitvernichtung. Das Übels schlechthin in unserem Geschäft. Ich wünschte mir, ich hätte ein Laptop da, um arbeiten zu können. Endlich Soundcheck, Sarahs Halbplayback klappt bestens und die versammelte Technikercrew zieht anerkennende die Brauen nach oben. "Tolle Stimme!", so das einhellige Urteil.
Wieder Warten, eine Vorband nach der anderen erklimmt die Bühne, der Saal füllt sich nur schleppend. Die Veranstaltung gestern mit einem fast identischen Billing nur in Spuckweite von Hennef, hat sichtlich dem heutigen Zulauf geschadet. Es fehlt der Schwung, der gestern noch zu einem guten Konzert beitrug. Endlich kommt unsere Ansage, leider gibt es eine Verwechslung, denn statt den Rosen soll erst Sarah ihre Handvoll Songs zum ersten Mal vor Publikum ausprobieren. Tom rettet die peinliche Situation mit einer lockeren Moderation. Sarah und ich beziehen Position, das Playback fährt ab und unser kleines Vorprogramm rollt. Ein paar im Publikum verteilte Musikerpolizisten sehen mir akribisch genau auf die Finger, können's gar nicht glauben, was da für eine Soundwand aus dem spillerigen alten ESQ rollen soll. Ich kann den Scheiß locker mitspielen (ich hab den Scheiß geschrieben) und bin sowieso nur als Souffleur und mentale Stütze für Sarah mit auf den Brettern. Trotzdem der Entschluss, nie mehr eine instrumentale Playback-show zu spielen. Sarah besteht ihre Feuertaufe und erntet mehr als Höflichkeitsapplaus. Eine Zigarette später sind die Rosen on stage.
Die Setlist wurde geändert, es gibt einige alte, lange nicht mehr gespielte Titel zu hören. ALERT eröffnet die Show und beim zweiten Song, METAMORPHIC DREAMER, steige ich ein. Ab diesem Moment finden zwei getrennte Konzerte statt. Eines, wie es Band und Publikum erleben. Das andere in der Milanozone, der mit der Technik seines Oberheim kämpft. Aussetzer, Soundverschiebungen, Störtöne. Ich könnte kotzen. Nicht nur, dass ich der einzige Arsch bin, der nach der Show wieder auf die Bühne muss, um seinen Kram abzubauen, weil es keinen Rosentechniker gibt, der das für mich macht, nein, jetzt versagt auch noch genau der Kram seine Dienste. Dass dabei unten in der Menge zwei Kellies als unsere Ehrengäste wild headbangen, nutzte meiner Trauerstimmung nichts. Es wird zum Debakel und ich sage nach der Show zu Tino: "Das war mit großem Abstand die übelste Scheiße, die ich jemals abgeliefert habe."

Frustriert und müde sitze ich sechzehn Stunden später wieder am Bahnhof in Karlsruhe und denke über diesen kurzen Blitzkrieg nach: Vor genau 48 Stunden haben mich die Jungs hier aufgegabelt. Zwischen meiner Abfahrt in Freiburg und der Heimkehr liegen 60 Stunden. Bei Tom dürften es noch mehr sein. Ich habe etwa 17 Stunden auf Bahnhöfen, in Zügen und dem Van verbracht, insgesamt neun Stunden geschlafen, etwa eine Stunde Soundcheck gemacht und drei Stunden gespielt. Macht 30 Stunden reine Wartezeit. Plus, wenn man die einzelnen Anreisewege addiert, ein paar tausend Kilometer gefressene Strecke. Soll noch einer sagen, alte Säcke würden sich nicht anstrengen. Das war's mit den Rosen bis auf weiteres und wir wissen alle, dass da etwas ganz, ganz dringend geändert werden muss.

Monate später treffen wir uns in Ulm, der Gedanke eines neuen Albums sorgt für Euphorie. Wir wollen ein letztes Mal den Hammer schwingen und mit einem fetten Heavyrockalbum den Abschied nehmen. Dann sollte nahtlos die Arbeit an einem neuen Projekt beginnen: Mo'Sez Rain sollte uns all die Freiheiten garantieren, die bei CR durch die schwermetallhaltige Vergangenheit nicht denkbar waren. Für die Kuttenträger deshalb nochmals die Ramme, nicht um aufzugeben, sondern um erhobenen Hauptes abzutreten. "Seht Ihr, so macht man das!" Finanziert werden sollte das letzte Album durch eine Japanoption. Songs hatten Wuller und ich bereits genügend in der Tasche. Man müsste sich nur demnächst treffen und mit der Arbeit anfangen. Müsste...

Ein untätiges Jahr später ist allen Beteiligten klar, dass die Band wohl nicht mehr existiert. Schade, das. Nicht ein Song wurde ausgearbeitet und die Einträge der Neugierigen auf unserer Website werden spärlicher. Statt der erhofften und geplanten Detonation zum stolzen Abschluss, ist die Band dann doch einfach versickert.

10.04.12

HENNEF [09|06|01]

Aus der mir selbst erteilten Erlaubnis, alten Kram aus rein sentimentalen Gründen wieder auszupressen, folgt hier nach Vorfilm und Prolog der erste Bericht des Tourtagebuchs. Da scheint noch ein deutlicher Hoffnungsschimmer durch. Manche meiner Freunde haben übrigens die wiederkehrende Tendenz, mich in verächtlichem Tonfall als "Träumer" zu bezeichnen.

HENNEF [09|06|01]

Es gab vor diesem Live-Debüt genau zwei gemeinsame Proben und das reicht auch aus, wenn jeder seinen Scheiß kann. Live kommt eh immer alles anders und Du kannst Dich nur auf die eigene Erfahrung und die der bestens eingespielten Kollegen verlassen. Die bestens eingespielten Kollegen kenne ich jetzt schon seit einigen Jahren, habe ein paar Covers für die Band gestaltet, einen Clip mit ihnen gedreht und war immer wieder mal zu Gast hinter der Bühne. Im März kam dann das Thema Keys bei ChroRo auf den Tisch, im April ging’s gemeinsam ins Studio und das Feeling war so vertraut, als hätte ich seit Jahren nichts anderes gemacht. Familie eben.
    Dann unterwegs mit der Band. Mann, das letzte Konzert liegt beinahe fünf Jahre zurück. Zwischendurch gab’s viele Experimente und Studiokram. Aber nichts auf dieser Welt (in Worten: NICHTS AUF DIESER WELT!!!) kann die Bühne ersetzen. Du fängst Dir den Virus ein und dann musst Du sehen, wie Du damit klarkommst. Schwierig, als Rockenroller in Würde zu altern. Ich dachte ernsthaft schon dran, eine Bluesrockcombo zu gründen, bloß um mal wieder auf die Bretter zu kommen. Stattdessen stehe ich am 9. Juni auf der Bühne in Hennef und nach ein paar Takten Vorgabe von Tino steigen wir in METAMORPHIC DREAMER ein, unser Opener und eh meine Lieblingsnummer vom PRESSURE-Album. Es ist genau wie’s sein soll: Fünf Jahre Pause sind in zwei Sekunden einfach gelöscht!
    Ein par Stunden zuvor saß ich noch zusammen mit Tom, Tino und Iris in ihrem Bus, der uns und ein bisschen Backline Richtung Köln dieselte. Wir plauderten angeregt über die Band, Science-Fiction und den weniger wichtigen Rest der Welt. Hinter uns zog Marc in seinem Volvo stur mit Tempo 120 eine Schneise für uns, quasi als nachfolgendes Pacecar. Mit stoischer Ruhe setzte er seinen Metallhaufen regelmäßig auf die linke Spur, ließ uns vor sich ausscheren und irgendwelche überladenen Sattelschlepper mit abgefahrenen Pneus und übermüdeten Truckern überholen.
    Es gab STEREO MCs, PANTERA und eine leckere Selbstgebrannte mit alten Vinylaufnahmen von HUGHES & THRALL, FISHBONE und MOJO NIXON. Bei der Bitte, dass Tom doch zu „Man Of Constant Sorrow“ vom O BROTHER WHERE ART THOU-Soundtrack die Akkorde raussuchen soll, war dann das Ende der musikalischen Bandbreite erreicht. Trotzdem noch harmlos im Vergleich zur Geduldsprobe, der ich die Mitfahrenden bei der Heimreise unterzog: NILS PETTER MOLVAER im Nieselregen hat denselben Charme wie APOCALYPTICA an tristen Novembernachmittagen. Tz, diese jungen Leute kennen an "alten" Bands echt nur SKID ROW. Seltsam, als neuer Mann der älteste zu sein.
    Hennef war leicht zu finden, der Veranstaltungsort beinahe auch und dann kamen wir in den Genuss einer perfekt organisierten Veranstaltung. Die Jungs von JAM-Productions betreuen ihre Acts wirklich vorzüglich. Beim Aufbau, quasi als kleine Erfrischung, gab es unaufgefordert ein freundlichst serviertes Kölsch. Oder muss man in Hennef "Alt" zum Dünnbier sagen? Anderswo leierst Du dem Veranstalter kurz vor der Show gerade mal zwei lausige Getränkegutscheine aus dem Kreuz. Die Kausalkette "'G'scheites Catering als Grundlage für gute Stimmung der Mucker als Grundlage für eine gute Show derselben als Grundlage für zufriedene Besucher als Grundlage für entsprechenden Umsatz dieser" scheint nicht überall in der Musikszene wissenschaftlich anerkannt zu sein.
    Trotz g'scheitem Catering (und seit einem Tag nix gefressen) brachte ich keinen Bissen runter, teile ich doch mit Harry eine seltsame Eigenschaft, und zwar die Fähigkeit zur Lampenfieberzeitreise. Diese famose Begabung versetzt uns binnen Sekunden in ein Land lang vor unserer Zeit. Wir riechen den scharfen Dunst einer großen Raubkatze oder hören das dumpfe Wummern einer Mammutherde. Die Folgen sind im Jahr 2001 eher unbrauchbar: Satte Adrenalinausschüttung an der Grenze zur Überdosis, stark erhöhte Muskeldurchblutung, Fortpflanzugsorgane ziehen sich in die Bauchhöhle zurück und es drängt der Körper, zwecks schnellerem Laufen, zu sofortiger Entleerung der Därme. Du bist jetzt zum Kampf auf Leben und Tod bereit. Oder zur Flucht gewappnet, stundenlang laufen ohne zu ermüden. Blöderweise musst Du aber einfach stehen bleiben, möglichst lächelnd und ohne einem der Umstehenden das Hirn wegzupompfen. Das ist das exakte Gegenteil von dem, was Dein Körper jetzt braucht und führt spätestens 20 Minuten vor Showtime dazu, in eine Art Duldungsstarre zu fallen. Das ist dann okayer, jedenfalls wesentlich besser als Durchfall. Denn, so wie ein Vögelchen beim Start schnell noch kackt, müssen viele der Rocker vor'm ersten Takt (hey, fast ein Jambus) noch schnell ein paar Runden über die lokale Backstageschüssel. Du bist dann irgendwann wirklich leer geschissen und trotzdem rotieren die Därme bis zum Brechreiz. Das schreit nach Betäubung. Achtung, Bundesdrogenbeauftragte, hier sehe ich Handlungs-bedarf!
    Schnitt. Mitten in der Show stellt mich Tom auf freundlichste Art und Weise als "member number five" dem Publikum vor, ich werde herzlich empfangen und bei der nächsten Nummer kackt mein Monitor ab. Die Mächte warten eben immer den besten Moment ab. Dank Marc ist ruckzuck ein Toner da, es dauert zwei weitere Songs bis statt hässlich verzerrtem Rauschen wieder Musik aus der Box kommt. Mit 17 wäre ich gestorben vor Angst. So gieße ich mir in aller Ruhe einen Schluck Chianti ein aus dem von Iris speziell für mich und diesen Tag gebauten Bühnenkoffer, begrüße meinen Kölner Freund Selim neben der Bühne und freue mich einfach, da zu sein, während onstage GGM und andere Brecher abgeliefert werden.
    Überhaupt, der Koffer. Custom made for Milano bietet er Platz für eine Flasche Wein, einen Öffner, ein langstieliges Rotweinglas, einen Kerzenständer und zwei Kerzen. Gerade recht, um die Konzerte zu zelebrieren. Maier Wuller, einem Geschlecht von Hufschmieden entstammend (das wird an dieser Stelle noch oft zu lesen sein, habe ich mir vorgenommen) und selten um einen Kommentar verlegen, ließ sich bei seinem Anblick ob Idee und Ausführung zu stummen Standing Ovations hinreißen. Ace konnte es ebenfalls kaum glauben (She did that? I mean she built it? For you? Wow!) und musste Iris in der Folge umarmen. Ob er a) nicht fassen konnte, dass eine Frau sowas kann oder b) zweifelte, ob ich den Aufwand wert sei, bleibt sein Geheimnis. Handarbeit wird jedenfalls anerkannt beim fahrenden Volk und die erkennen schließlich ihren Scheiß, wenn sie was Amtliches sehen. Hab ich schon das Wort "Familie" erwähnt?
    So ging dieser zauberhafte Tag im Ferienlager friedlich zu Ende und irgendwann hab ich mir dann die Flöte in die Muschi gesteckt. Nein, Quatsch, wollte nur sehen, ob ihr noch aufmerksam seid.
    Minuten später ist der Monitor also wieder im Lack, und ich merke, dass es schweinegute Laune macht, mit den Jungs auf der Bühne zu stehen. Ich meine, ich hab sie hundertmal von unten gesehen (kein zotiger Witz an der Stelle), stand hinter der Bühne oder daneben, hab sie gefilmt und sonstwie verwurstelt. Aber jetzt, mitten im Getümmel, der Gedanke: ich mag die Band, die gefallen mir! Auch hier sind die Mächte sofort zur Stelle und servieren mir den prächtigsten Verspieler seit Erfindung der Zwölftonmusik.
    "Kummer Dich gefälligst um's Rocken und lass den sentimentalen Scheiß für später!"
    "Okay."
    Das Konzert wogt vorbei, die Keyboarderrolle bietet viel Möglichkeit, die Leute zu beobachten. Es sind nur Nuancen, die ein gutes von einem mittelprächtigen Konzert unterscheiden. Auch wenn es heute meine erste Show ist, weiß ich, das hier gehört zu den guten. Auffallend ist, dass die Jungs noch nicht gewohnt sind, auf der Bühne zu fünft zu sein. Ich werde jedenfalls sehr selten hinter meinen Tasten besucht und beschließe, mir für ein par Songs in Zukunft eine Gitarre umzuschnallen. Bloß, um nicht so alleine zu sein. Wir spielen als letzten Song im regulären Set HURTS. Die Leute kennen die Nummer noch nicht, gehen aber trotzdem gut mit. Am Schluss übernehmen sie den Chor und wir gehen einer nach dem anderen von der Bühne. Das Publikum singt noch kurz weiter, bevor die ersten Rufe nach Zugabe kommen.
    Man könnte Traktate und Doktorarbeiten schreiben über die Zeit, die man optimalerweise verstreichen lässt, bevor man zurückkehrt auf die Bretter. Eine halbe Zigarette? Fünf Minuten? Zu schnell wirkt kindisch spielgeil und zaubert der anwesenden Musikerpolizei -vulgo: Kollegen- ein fieses Grinsen auf die Backen. Zu lange wirkt asozial abgehoben.    Hier das perfekte Rezept vom besten schlechten Keyboarder der Welt: zünde eine Zigarette Deiner Wahl an und versuche in aller Ruhe die doppelt vorhandenen Buchstaben in den Begriffen "Erektile Dysfunktion" und "Lysergsäurediäthylamid" zu zählen. Ich war beim "e" als Wuller wieder in HURTS einsetzte. Giarristen halt! Immer zu früh kommen, aber das zehnmal in einer Nacht.
    Rauf auf die Bühne und zurück in HURTS mit Vollgas. Klappt auf Anhieb. Kompliment auch an die Audience; die konnten sogar die Tonart halten! Ich hatte schon mit Sängern (?) zu tun, die das weder im Studio noch auf der Bühne schafften. STAY und sein infernalisch lauter Einspieler beenden eine Viertelstunde später das Konzert. Ein freundliches Winken, Verbeugung, runter von der Bühne, Abbau, Umbau, Zeit für die nächste Band, Backstage entern, gieriges Rauchen und Trinken und Plappern, hektische Zustandsberichte und Zoten. Irgendwann wird's ruhiger und irgendwann wird's klarer und es fühlt sich gut an und ich weiß, Nummer 5 lebt und dann, endlich, kann ich ans Essen denken.

30.03.12

Prolog


Keyboarder in Rockbands finden nicht statt. Definitiv. Der Sänger von TRAVIS erzählte kürzlich (das war natürlich vor einem Jahrzehnt) im Interview: „Als ich mir einen Bart stehen ließ, haben mich die Leute auf der Bühne zuerst gar nicht erkannt. Die dachten wohl, ich sei der Gitarren-Roadie oder Keyboarder oder sowas, haha.“ Oder sowas. Haha.


Zarte Mädels stehen auf den Sänger. Wenn er hübsch ist. Mädels, die's 'ne Spur härter brauchen, stehen auf den Gitarristen, wenn er sich wie ein Vieh gebärdet. Die meisten Kerle übrigens auch, siehe Meyer's Musiklexikon unter Airguitar. Jungmänner im Publikum wollen eh immer bloß entweder Axeheores oder Schlagzeuggötter sein. Okay, ein paar vielleicht auch Rockstar. Aber dann sind sie ja eigentlich sowieso längst Sänger in ihrer eigenen Band. Mädels, die eher gute Kumpels sind, stehen auf den Drummer. Die ganz Ruhigen schwärmen vielleicht noch für den Basser, wenn der immer schön einen auf geheimnisvoll macht. Bloß für Keyboarder interessiert sich kein Schwein.

Der Grund liegt auf der Hand. Rockmusik ist auf den ersten Blick eine sehr körperliche Angelegenheit. Let's get physical: der Drummer schuftet wie eine Sau im Maschinenraum, der Basser massiert den Hörern den Unterleib, der Sänger spurtet und singt und schwitzt und animiert und der breitbeinige Gitarrist entlockt seiner Axt mit ekstatischem Gesicht brachiale Powerchords. Natürlich könnte er das auch im Sitzen, mit völlig entspannter Mimik. Aber dann wäre er ja schon fast Keyboarder, wenn Ihr wisst was ich meine.

Die stehen nämlich nur da, machen ein paar Finger krumm und das war's. Bewegungsradius gleich Null, körperlicher Einsatz dito. Das ist alles sehr unrockenroll und riecht irgendwie nach Verrat und Intellektuellenscheiße. Nicht nur, dass alle Keyboarder immer Brillen tragen, sie benutzen auch Wörter wie „unisono“ oder „ritardando“ und wissen sogar noch was gemeint ist. Klugscheißer vom Planeten ESQ-1 in der Kugelgalaxis Korg.

Ach, wie viele meiner Zunft haben ihr karges Dasein in glorreichen Tagen deshalb hinter dem Vorhang fristen müssen? Shame on you, Ozzy! Bei Ausrabungen unter der Schleyerhalle kann man heute noch Knochen und abgeschabte Tastaturen vergessener Keyboarder aus der Blütezeit des NWOBHM finden. Dabei benutzen die Herren Rockmusikartisten doch wirklich in jedem denkbaren Bereich Technik vom Feinsten. Bloß Tasten sind uncool. Naja, mal ehrlich: kann man sich vorstellen, dass im Werbespot jemand ein Klavier durch's Death Valley schiebt, um Schokoriegel zu verkaufen? Ohne Gitarre geht da nix. Eben! Selbst die durchschnittliche Grundschul-Anfängerkurs-Blockflöte hat mehr Sex als ein High-Tech-Keyboard. Liegt am Blasen, nehm' ich an.

Ein Flügel, klar, das ist was anderes, da fallen einem die Mädels mit feuchten Augen auf's Bärenfell vorm offenen Kamin. Ein Flügel gilt! Das hat Stil und Format, ist weltmännisch und klassisch. Bloß, um den Kreis zu schließen, wer zum Teufel hat bei einer fetten Rockshow die benötigten Accessoires wie Steinway, Kaminfeuer und Dinerjackett schon immer zur Hand?

Wenn wir gerade von Klischees reden: Vorbilder sind eins. Gitarrenhelden kann jeder Zehnjährige dutzendweise aufzählen, gleich nach den Fußballern und Formel-1-Piloten. Aber wer kennt mehr als drei Keyboarder? Wer kennt überhaupt drei namentlich.

„Ach so, der! Ich dachte, das sei der Gitarrenroadie oder so, haha.“

Jon Lord. Natürlich. Ein Gigant am Instrument, souverän und charmant, ein Lebenswerk hinter sich auf dem man Städte bauen könnte. Chapeau! Dann wird's dünn. Vielleicht noch Roddy Bottum. Immerhin hat er es geschafft, bei Faith No More mit technischer Überausstattung aus siebenundneunzig Samplern genau einen Streichersound zu kreieren. Das nenne ich Minimal Art, das mag ich: reduziert auf's Wesentliche. Wer viel spielt und womöglich noch schnell, bloß weil er's kann, ist ein armer Wicht. Gilt für alle Instrumente. Der Song ist der Chef. Dann kommt der Sänger, dann der Rest. Zum Schluss, und wirklich erst ganz zum Schluss kommen die Keyboards. Gut bist Du als Tastateur erst dann, wenn keiner merkt, dass Du mitspielst, aber alle spüren, dass was fehlt, wenn Du nicht mehr dabei bist.

„Milano, halt’s Maul und leg mal 'n par Flächen unter's Solo. Kommt irgendwie zu dünn!“
„Okay...“

14.03.12

Ten Years (+) After

INTRO ZUM VORFILM

Nachdem der Nebel sich gelichtet hatte, hörte ich eine Stimme aus dem OFF.

OFF: Darf man denn alte Scheiße, Pardon, Texte recyceln?

Ich: Yep!

OFF: Und wer hat's geschrieben?

Ich: Ich.

OFF: Hm. Und um wen geht's? Und um was?

Ich: Ich. Äh... mich. Um Musik. Meistens. Am Rande. Irgendwie.

OFF: Tja dann...?

Ich: Tja dann...!


VORFILM

Prolog zum Prolog: Ich hasse Keyboarder in Rockbands! Stehen blöd da, bewegen sich nicht, tragen scheiße Klamotten und sülzen mit wabernden Streicherpads die schönen Knochenbrecherakkorde des Gitarristen zu.

Diesen ersten Absatz las eine Stimme aus dem OFF.

Wir sehen gleichzeitig eine schicke Villa,während die Buchstaben „IRGENDWO AM ENDE DES UNS BEKANNTEN UNIVERSUMS, SEHR WAHRSCHEINLICH IN ODER UM TUTTLINGEN, DONAU. EIN WOCHENENDHAUS DES BAUUNTERNEHMERS H., AUS ZUSCHÜSSEN DER ÖFFENTLICHEN HAND FINANZIERT“ auf der Leinwand erscheinen. Natürlich unterlegt mit dem altvertrauten Schreibmaschinentickergeräusch, das ihr ja alles aus AKTE X kennt.

Wir schneiden in ein wirklich sehr, sehr schäbiges Untersuchungszimmer.

Wieder die Schreibmaschinenanschläge und die Schrift „MUSIKALISCH-PSYCHOLOGISCHE FACHKLINIK, VON ÖFFENTLICHER HAND FINANZIERT, VOM BAUUNTERNEHMER H. ERSTELLT", erscheint auf der Leinwand. Ein, nunja, schmieriger Herr mit Backenbart, Warzen und schwarzgrau-fettiger Mähne zieht sich einen rostigen Stahlrohrstuhl unter den Hintern und lässt sich keuchend drauf fallen. Mit angewiderter Miene zertritt er eine mausgroße Kakerlake, die knirschend platzt.

Im Hintergrund zieht sich der offensichtlich eben untersuchte Spike Milano ein Höschen über den Arsch.

Seine Stimme aus dem OFF: Beim letzten musikalischen Jahres-Check röchelte mir mein Arzt Dr. Rock was Seltsames ins Ohr. Er röchelt eigentlich immer, von daher war ich nicht alarmiert. Was er mir aber da zu erzählen hatte, sollte mein Leben gravierend verändern.

„Milano, Du hast ein Problem, die Blutanalyse zeigt es ganz deutlich...“

„Bin ich krank, Doc? Vielleicht Morbus Clayderman?“, scherzte ich leichthin.

„Deine Zellstruktur“, stieß Dr. Rock zwischen zwei Rauchwolken Marke American Spirit (er raucht nämlich vollwertig gesund, der Gute) hervor. „Deine Zellstruktur ist nicht wie bei anderen Keyboardern.“

„Verdammt! Werd ich zum Sänger?“

„Schlimmer, Milano! Die Daten lassen nur einen Schluss zu! Du bist ein genmanipulierter Gitarrist.“

„Gitarrist? Oh, mein Gott!“, stammelte ich fassungslos. „Aber ich kann doch Noten lesen und sogar mit Messer und Gabel essen...“,

„Pah, das können ja sogar Bassisten!“, schüttelte Dr. Rock resigniert den Kopf.

„Ich trag 'ne Brille und behaupte nie, dass ich zehn Mal in einer Stunde vögeln kann...“

Dr. Rock schwieg.

„Naja, okay, vielleicht hab ich's doch mal behauptet. Aber, aber... ich hab zum Beispiel echt noch nie die Freundin eines Freundes geschwängert oder... sowas.“

Dr. Rock schwieg.

„Ich bin Keyboarder. Verdammt! Key. Boar. Der!“

„Ein schlechter, Milano, ein schlechter..!“, röchelte Dr. Rock geduldig.

„Aber der beste Schlechte der Welt!“, beharrte ich auf meiner Daseinsberechtigung. Dr. Rock kratzte sich im Schritt und besah sich gelangweilt/interessiert die fädenziehenden Überreste der Schabe an den Sohlen seiner weißen Cowboystiefel.

„Echt... Gitarrist?“, fragte ich kleinlaut.

Dr. Rock seufzte, erhob sich und drückte mir mitfühlend die Schulter.

„Du denkst wie ein Klampfer. Punkt. Aus. Amen. Unheilbar, wenn auch nicht unmittelbar tödlich. Aber ich hab da 'ne Telefonnummer...“, frankzanderte er zwischen zwei Hustenanfällen. „Ruf die Jungs an, das ist eine Art Selbsthilfegruppe, vielleicht können die Dich brauchen...“

So, oder so ähnlich, waren also meine Voraussetzungen, als ich das Raumschiff CHROMING ROSE betrat to boldly go where no Spike has ever gone before. In der Folge sind die gesammelten* Einträge aus meinem Logbuch zu lesen; subjektiv, willkürlich und beinahe unzensiert. Ich versuche, so wenig wie nötig zu lügen, aber, hey, Gitarre im Blut, ihr wisst ja! So here are the words: go read 'em and weep.

Genau an dieser Stelle endet der Prolog zum Prolog, die Leinwand wird dunkel; der Rest des Films spult sich im Kopf ab, tief drin im warmen Dunkel zwischen Einkaufszettel und Kindheitstrauma, Urangst und Gier...




*Der Begriff gesammelt ist relativ zu verstehen, wie alles auf der Welt. Paar Gigs vergessen, paar Daten gelöscht. Jedenfalls hier ist der alte Scheiß, Pardon, Text again, weil ich die Zeit damals relativ gut fand und da mich eh niemand liest könnte ich hier auch Fotos meiner großen Zehen einstellen und über über Fußhaarmilben schreiben, so what the fuck, wie der Weise sagt. Das Original müsste aus dem Jahr 2001 stammen, Juli wäre naheliegend.

05.11.11

Welt im Wandel, Motherfucker ;-)


"Erst, wenn alle Bäume zu FOCUS und WELT AM SONNTAG und FRAU IM SPIEGEL verarbeitet sind, werdet ihr sehen, dass man mit Holz keine Bretter vor dem Kopf fabrizieren kann."

Dieses alte Indianerwort zum Frühstück gegen 5:45 -nach dem Joggen, NACH dem Schwimmen- gelesen. Natürlich im Bio-Recycling-Fair-Trade-Ethno-Bauernkalender, finanziert durch Micro-Kredite einer ostindischen Bank, die keine Börsengeschäfte tätigt und gegen Gewalt gegen Frauen eintritt. Sofort gedacht: "Alter -hier mal nicht neu-umgangssprachlich, sondern zutreffend die Realitäten schildernd zu verstehen-, Alter, es wird Zeit, dass du die Schöngeisterei und das Verstecken auf dem Land bleiben lässt!"

Gedacht, getan: geschrieben. In dem knappen Jahrzehnt meiner  Enthaltsamkeit, dem ersten des neuen Jahrtausends, ist ja auch nicht so arg vieles besser geworden. Die Europäer raffeln sich weiter zusammen, manche rafft es gar schier darnieder, alles unter der Lupe einer Wirtschaft, die mittlerweile als Gottesersatz und Geilheitsmaschine verstanden wird. Während die Nordafrikaner ihre Despoten bekämpfen, wälzt sich eine Lawine aus Ozean, Dreck und Trümmern über Nordostjapan. Ein Kernkraftwerk gibt drauf den Löffel ab, ihm folgen deutsche Politiker. Der Benzipreis wird, weil das Thema passt, weiter hoch geschraubt und der gute ADAC-Michel verweigert das blödsinnige Neubenzin.

Welt im Wandel: früher waren Protestanten in Gorleben "Randalierer". Dann wurden sie Rentner und eine behäbig teil-reaktionäre Presse erfindet den "Wutbürger". Da kommt Herr Mappus den demonstrierenden Schülern und Rentnern ein klitzekleines Mal mit der groben Kelle, und bloß weil das menschenverachtend ist, und kurz drauf die Araber ihre Mappuse wegschubsen und weil dieses blöde Kernkraftwerk doch nicht so sicher war in diesem fernen Japan, und weil man daraufhin einmal zu oft, hüpf!, die Position wechselte, ist jetzt nach schlappen 58 Jahren in BaWü Schluss mit schwarzer Pest.

Ich bin als Angehöriger eines kriegerischen Bergvolks ja schnell auf der Sau naus, aber das erregt mich positiv.

Da ich als Autor der einzige Leser von SPLOG bin, erschien es kommod, obigen Text zu veröffentlichen, den ich eben in den Tiefen meiner Festplatte wieder entdeckte. Geschrieben am 5. April mitternachts. Eine Polemik -wer ist überrascht?- man kann eben nicht aus seiner Haut.
Apropos Haut: ich könnte mich heute als Greis grün, schwarz und gelb ärgern (no pun intended)... Hätte ich mal vor einem Vierteljahrhundert mein damals pfirsichhäutiges Apfelärschchen mit pornographischen Photographien ausgebeutet! Könnte ich heute wie ein aufgeschwemmter Helmut Berger von den erotischen Eskapaden erzählen, anstatt wie ein aufgeschwemmter Spike Milano tief in der  feindlich gesinnten Provinz am Stammtisch über Lokalpolitik zu geifern.

Aktfoto$, jemand?

01.11.11

Petitesse


Natürlich sollte man sowas gar nicht kaufen, geschweige denn essen.

Aber eine entschuldigende Großbaustelle im Haus -samt Küchenmangel- lässt die ehernen Regeln nach drei Wochen wie schlabbrige Lappen an der alten Wäscheleine hinter den Mülltonnen zurück. Hunger. Der treibts rein. Und Peperoni mit Hirtenkäse klingt doch auch zu verführerisch nach einem Arbeitstag im Renovierungsstaub.

Das obere Bild stammt vom 29. Oktober, als die kleinen Brötchen verspeist werden sollten. Vermeintlich über Nacht hatte sich da in der Packung etwas getan: "Mulder, das müssen Sie sich ansehen... ich denke, es ist organisch!"

Das untere Bild stammt von heute, also einen Tag über dem angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum. Mich dünkt, die grünen Stellen haben die Herrschaft übernommen. Oder es handelt sich um eine Entwicklung, die colorchromatisch vom weißen übers grüne zum schwarzen Ausschlag changiert.


Keine Polemik gegen den Discounter oder unsägliche Umstände bei der industriellen Nahrungsherstellung hier... ich war lediglich überrascht vom massiven Verfall des Produkts IM Kühlschrank VOR  Ablauf des aufgedruckten Termins. Und etwas verstimmt. Aber nur etwas, man nimmt heute ja soviel Scheiße als gegeben, ist es gewohnt, gegängelt und betrogen, belogen, hintergangen und ausgenommen zu werden, dass ein paar faule Kackbackbrötchen den Kohl nimmer fett machen. Ich wollte das Zeug nicht mal zurückbringen, um Geld oder materiellen Ersatz einzufordern... erstickt dran! Besser der Mist schimmelt sichtbar im Kühlschrank, als verspeist in den Tiefen der Schläuche, Blasen und Kammern meines Leibes (an Allerheiligen kommen einem schon merkwürdige Vergleiche zupass).

Kürzlich erst hatte ich in der ZEIT gelesen, wieviele Lebensmittel wir pro Kopf jährlich einfach wegschmeißen (geschätzt wurden da zwischen sechs und zwanzig Millionen Tonnen insgesamt, auch so ein Wischi-Waschi-Bla: sechs bis zwanzig, tztztz). Jedenfalls verdammt viel und die o.a. Packung Pizzabrötchen der Marke CUCINA vergrößert den Berg um 400 Gramm.

Und das ganz zu Recht: so 'n Scheiß fress ich net, kauf ich nimmer, auch net ohne Schimmel; man ist lernfähig auch im hohen Alter: drei Bier sind auch eine Mahlzeit.

Und erst noch nichts getrunken.



 

29.10.11

Occupy Stammtischluftraum!




Der Herbst naht mit großen Schritten: Blätter vom Baum, Sonne macht sich selten, DAX beliebt zu steigen. Zeit innezuhalten. Da fiel mir das Gespräch mit dieser brunzdummen Buschel wieder ein. War zwar frühsommerlich, aber dem Herbst geschuldet... eine Art halluziniertes Gedankenprotokoll.

E und U? Gibts nicht. Wenn Sie E wollen, fahren Sie zu gegebener Zeit nach Donaueschingen und hören Sie sich 8x24 Minuten Geräusche an. E nicht vergessen, diesmal englisch aussprechen, Ecstasy könte helfen. Aber ansonsten? E und U... ts.

Natürlich Klassiker gelesen hier und den Kanon: Goethe, Schiller, Lessing, Brecht, Böll, Grass. Und im Original Shakespeare, Caesar, Ovid. Und Alighieri. Zwar übersetzt, aber freiwillig. Mit sechzehn. Ob ich ihn verstand? Natürlich nicht komplett. War ich beeindruckt? Abgrundtief! Weshalb? Weil mich ein vermeintlicher Schundroman namens "Das zweite Inferno" zum Original schwemmte. Ich wollte lesen. Und wurde durch Quantenverknüpfung gezwungen, den echten Stoff zu entdecken. Aber lassen wir die subatomare Ebene beiseite, das nötigt unsere Freunde im Saab-Cabrio (mit lauen Arien aus der Stereoanlage) zu abschätzigen Bemerkungen. Mich auch: spätestens seit Michael Bolton Arien aufnahm, ist klar, dass eben da die neue Prollmusik lauert. Und dann kommt mir doch die Endfünfzigerbibliothekarin mit Bukowski. Nach 2000. Als von ihr entdeckter Sensation!

Bukowski las man hier ab den Siebzigern. Pubertär angebracht. Und dann Dick und Clarke und Fauser und Hesse und Simmel und Bayer und Stadler und Irving, Stephenson, Lee. Ohne chronologische Stringenz und ohne zu werten. Lee? Stan Lee, Marvel Comics. Eine Fundgrube für den suchenden Adoleszenten, zumindest früher, als es noch den Williams Verlag gab. Lee bereitete all die vorgenannten Klassiker auf, mundgerecht. Jack Kirby -vermutlich ein Schüler Buonarottis- und Steve Ditko taten als Zeichner das ihre: großes Kino, echtes Leben. Wie ähnelt doch der Spiderman Peter Parker einem jungen Werther, welch unfassbar komplexe  Gestalt ist der einsame Silver Surfer? Da geht es hüfttief durch den Sumpf der Jahrhunderte von Williams Stratford-upon-Avon zum Wien Sigmund Freuds.

Also zur Hölle mit dem Bildungsbürgertum! Schön, wenn man die Bücher erfasst hat, nicht nur gelesen; verstanden im Sinne von: das ändert mein Leben. Mein Leben änderten aber Hank Chinaski und AC/DC mehr als Mozart und Uhland. Ist denn eine Diskussion über das Brahmssche in Beethoven etwa anders, als der Vergleich zwischen Eddie van Halen und Yngwie Malmsteen? Vermutlich würde sich die Höhe des sprachlichen Niveaus unterscheiden, zugegeben. Aber im Kern... Gelaber, Halbwissen, Ansichten, Sprüche.

Auch die ungebildete Putzfrau kann ihre Kinderschar in Würden großziehen. Vieleicht schafft sogar eins aus der Brut den Sprung an die Uni. Und wenn das dann an die Doktorarbeit kommt, schreibt's vermutlich nicht mal ab. Trotz streetsmartness, um den Anglizismen eins hinzuzufügen. "Ehre im Ranzen", heißt das.


Und -da ich frei von Ehre oder Tugend bin, aber auch keinen Titel trage- genug der Polemik: jetzt ein Glas Brunello auf die Schuldenkrise, oder wie auch immer das fortwährende Desaster gerade etikettiert wird.

14.10.11

Das wird ein langer Winter...