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24.06.12

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Verfasser dieser Zeilen/Searchin', ca. 1989

Band benannt nach einem Song, der von Peter Bogdanovich inspiriert war, bloß mit '
Also, Schatz, das ist so: die GEMA bezahlt eigentlich den Menschen, die Lieder schreiben Geld. Wer den Text gemacht hat und wer die Musik gemacht hat… jeder kriegt dafür Geld. Wenn die Musik im Radio läuft oder gespielt wird im Konzert, oder wenn Leute deren Platten kaufen. Was Platten sind? Verzeihung: CDs. Ja, Schatz, iTunes genauso.

Dafür zieht die GEMA natürlich Geld ein. Von den Menschen, die CDs vertreiben, von den Menschen, die Konzerte veranstalten und von den Leuten, die das im Radio laufen lassen. Natürlich holen sich die Menschen, die Konzerte machen, das was die GEMA von ihnen nimmt von den Menschen wieder, die die Eintrittskarten kaufen. Bei den CDs läuft es so ähnlich. Und im Radio gibt's ja dermaßen viel Werbung, damit zahlen die das.

Ja, Schatz, der Papa hat auch mal Geld gekriegt für seine Musik. Wir waren ja eine winzig kleine Band, am Ende der Welt. Aber wir haben viele Konzerte gespielt und unsere Single lief im Radio. Was eine Single ist? Ähm, das war eine Art runde Plastikscheibe, auf der zwei Lieder waren. 'Single' bedeutet sowas wie 'einzeln' und meistens lief im Radio nur eins der Lieder, das hieß A-Seite. Nicht das Lied, Schatz, die Seite der Plastikscheibe hieß A-Seite. Und das konnte man dann im Radio hören und die Frau oder der Mann, die das aufgelegt hatten, notierten in einer Liste, wer den Text und wer die Musik geschrieben hatte und schickten das an die GEMA. Die GEMA kuckte dann, ob das Lied bei ihnen gemeldet war, und wenn es gemeldet war, dann bekamen die Leute, die den Text und die Musik geschrieben hatten, für dieses einmal im Radio laufen einmal Geld. Genau, für zehnmal zehnmal Geld und für hundert hundertmal.

Dann hat der Papa diese andere Band hinterher gehabt, die war ein bisschen größer. Da gab es weniger Konzerte, aber die Musik lief auch im Radio in der Schweiz. Und weißt du was? Genau… weil der Papa die Lieder geschrieben hatte, gab es auch dafür Geld von der GEMA. Nicht viel, aber auch nicht nix. Genug, um den Mitgliedsbeitrag bei der GEMA für ein paar Jahre zu zahlen. Denn das ist ja ein Verein und fast jeder Verein hat eine Gebühr, die man zahlen muss als Mitglied.

Ja, Schatz, der Papa ist dann ausgestiegen aus der Band. Aber die haben weiter Konzerte gespielt. Bloß von der GEMA kam irgendwann kein Geld mehr. Die hatte nämlich in ihrem System etwas umgestellt. Tja, wie erkläre ich das? Die haben sich gesagt: "Was viel gespielt wird, wird viel gespielt!" und wollten gar keine Listen mehr von kleinen Radiosendern mit Namen von kleinen Musikern vom Ende der Welt. Jetzt kriegen eher die Großen mehr und die Kleinen gar nix.

Ungerecht? Find ich auch. Und weißt du, was der Witz ist, Schatz? Der Chef der GEMA verdient fast doppelt so viel wie Frau Merkel. Ja genau, obwohl die Generaldirektorpräsidentchefin von Deutschland ist.

Ob der auch doppelt so viel arbeitet? Das weiß ich nicht, Schatz, das weiß ich nicht…

08.05.12

8. Mai? Besen raus!

I'm gonna get up in the morning, I'll believe I'll dust my broom
Robert Johnson



Der heutige Tag hat es in sich. Geschichtlich. Natürlich denkt man in Deutschland beim 8. Mai an die Befreiung vom Nationalsozialismus, respektive spricht vom verlorenen Krieg. Je nachdem, wes Geistes Kind. Davon wird tagsüber das übliche, gedankenschwere Brauenrunzeln zu hören und zu lesen sein.

Aber ein kurzer Blick ins Tagebuch...

2010 saß oben abgebildete Möwe auf einem schottischen Geländer. Oban liegt in den schottischen West-Highlands, hat eine sehr okaye (Pardon, was für ein Wortkotzbrocken) Distillery und wer hier lebt, kennt alle Möwen innert eines Monats beim Vornamen. Keine heißt Jonathan.



1838 fordern die demokratischen Sozialisten in Großbritannien zum ersten Mal das allgemeine und geheime Wahlrecht. Für Männer über 21, versteht sich.

1945 freuen sich 10.000 Menschen in Algerien über den gewonnenen Krieg, veranstalten eine Demonstration -auch zur Unabhängigkeit Algeriens- und werden zusammengeschossen. Ohne Beteiligung der Wehrmacht, quelle surprise.

1973 ergeben sich die Indianer des American Indian Movement nach über zwei Monaten Besetzung von Wounded Knee den Regierungstruppen. Und ziehen sich in ihre Spielcasinos zurück.

1988 reckt Herr Engholm sein Haupt als designierter Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Sein Vorgänger Herr Barschel erlag knapp sieben Monate zuvor der Kollision mit einer Genfer Badewanne.

Im selben Jahr wird Herr Mitterand Generaldirektorpräsident von Frankreich. "Fuck Chirac" war noch Jahrzehnte später an einem Brückenpfeiler nahe der Meuse zu lesen. Ob Herr Hollande das gesprüht hatte?

1886 verkauft John Pemberton erstmals sein Allheilmittel gegen Kopfschmerz und Trägheit. Wir nennen es heute Coca Cola.

1954 das erste "Wort zum Sonntag", 1970 die letzte Platte der BEATLES: Let It Be.

Aber das allerallerwichtigtigste passierte vor 99 Jahren: Robert Johnson kam zur Welt. Und wer jetzt nicht "Wow!" sagt, hat nie Blues, Jazz oder Rock und Punk gehört. Ohne den hätte man auch Son House oder Skip James vergessen. Und Muddy Waters wäre nie passiert. Oder Chuck Berry. Und die Rolling Stones. Und die Beatles. Led Zeppelin. Pink Floyd. Sex Pistols. AC/DC. Nirvana. White Stripes. Wire. Television. Radiohead. Et cetera, ad nauseam.

Also lassen wir mal den kleinen Postkartenmaler und seine Apokalypse und all die Schuld und den Horror beiseite und hören unschuldig und hören froh und hören erstmals und immer und immer wieder "Dust My Broom".

Das ist Medizin.

04.05.12

Noch einer

 
Also auch MCA. Die Helden sterben weg. Was hatten wir Spaß!

Ich erinnere mich an einen lauen Sommerabend vor fünfhundertdreiundsechzig Jahren und vier Monaten, als ich der Band, der ich damals angehören wollte/sollte, ein Mixtape meiner musikalischen Favoriten präsentierte. Einfach, um klar zu machen, woher ich komme, was ich will, was mich beeinflusst hat.

AC/DC haben sie damals locker weggesteckt, klar. Motörhead belächelt als Dilettanten. Frank Sinatra und alten Tom Waits jovial abgenickt. Edith Piaf war schwer, aber ging. Beethoven via Brendel hatte ich mir gespart. Peter & seine Test Tube Babies waren grenzwertig. The Damned ("Love Song", großes Kino!): Schweigen. Und dann kamen die Beastie Boys. You gotta fight for your right to party. Mit diesem Nichtsolo von Kerry King.

Internationale Koryphäen der plastischen Chirurgie waren nötig, meinen zukünftigen Mitmusikanten die Augenbrauen wieder vom Hinterkopf Richtung Gesicht zu verpflanzen. Das war nahezu unverständlich: primitivstes Riff, prolliger Sprechgesang (der Begriff "Rap" war durchaus noch fremd), stumpfer Drumcomputer und irgendwann Geräusche, die ein Solo sein sollten. Gefühlte Jahrhunderte vor Tom Morello.

Wir wurden natürlich trotzdem eine Band, spielten brav brave Musik, lösten uns auf, gründeten eine neue Band, spielten mehr brave Musik, lösten uns auf, gründeten wieder eine neue Band und nur meinem egomanischen Genie ist es zu verdanken, dass wir heute alle als fette, faltige Multimilliardäre sämtliche Strandvillen der Welt (in Zahlen: DER WELT) besitzen.

Danke, Adam Yauch.

07.12.09

Fünfte Tür



Natürlich auch auf deutsch im ROLLING STONE vor einigen Tagen erschienen: ein Feature über Ian Fraser Kilmister, den die Welt als Lemmy kennt. Obiger Ausschnitt stammt von einer Fotografie Pep Bonets und ist meiner bescheidenen Meinung nach eines der besten Portraits des Mannes. Der Artikel ist in Ordnung für Menschen, die den Mann und die Band Motörhead nicht weiter kennen.

Seit ein paar Jahren erleben die ja ihren vierten Frühling, was allen Beteiligten gegönnt sei. Anzi, wie der Italiener sagt, der Sache haftet un petit peu d'odeur an. Und so blödsinnig wie hier die Mischung fremdsprachlicher Audrücke gemixt wird, so hohl ist das Interesse. Plötzlich findet jeder Motörhead cool, Menschen; die vor zehn Jahren nicht wussten, was der Krach soll, erklären mir als altem Gläubigen plötzlich, wie fantastisch "Ace Of Spades" sei. Natürlich ausgerechnet dieses Stück, totgespielt und immer noch herrlich, unzerstörbar und kaum noch erträglich. Sogar die WELT endeckte vor vier Jahren den Mann als rockendes Urgestein. Die WELT! Ich versuche mir eine Schlagzeile der Blattes aus dem Jahr 1981 vorzustellen und sehe Begriffe wie Vandalen und Radau.

Was hier geschieht ist die formatierte Rezeption einer medial gedrillten Welt, die sich selbst zumurmelt: "Ah, ein Rockdinosaurier, (hier öffnet sich das interne Pop-Up-Menü: Jagger/Richards, AC/DC, Ozzy, MAIDEN, KISS) unverfälscht und ehrlich, echt bis ins Mark!"

Dann ziehen vorm inneren Auge die Bilder einer RTL-Die-100-besten-Rocklegenden-Show vorbei; Nena und Klaus Meine, Axel Schulz und irgendein Arschloch irgendeiner Plattenfirma sitzen bei Geissen und der blubbert seine Endlosspur:"Hach, die Sixties! Unglaaablich! Die Beatles, was waren wir nicht, also ne, mit den Beatles. Und die Mondlandung, ne. Unglaaablich! Und die Mode, ne! Minis. Nena hasse auch Mini damals? Ne, wir ham ja alle Minis damals in den Sixties. Unglaaablich! Gab es in der DDR auch Sixties, Axel? Und dann gleich nahtlos die Siebziger und wir trugen alle Schlaghosen. Und die Frisuren... unglaaablich! Und die Rockmusik erst: Pink Floyd, Led Zeppelin, Karat. Wahnsinn! Und hier sind sie! " Dann hampelt eine geriatrische Combo zum Playback, der Sampler zur Sendung liegt schon am nächsten Tag in den Läden. Reduzierung der Welt auf Mode und Event, Kulturgeschichte für ADSler.

Lemmys Lebenslauf passt hier natürlich perfekt. Als Hauptverdienst wird ihm wohl anerkannt, dass er überhaupt noch lebt. Und in Interviews wie ein Peter Scholl-Latour des Hardrock übellaunige Kommentare zur Lage der Welt in die Mikros hustet. Den Hang zur besserwisserischen Schwarzseherei vergibt man ihm sofort, sein Witz ist trocken und sarkastisch. Irgendwie ist dieser Lemmy also geil und man findet ihn toll. Recht so!

Dass der Mann vermutlich immer noch seine Socken drei Wochen am Stück trägt, den Röcken hinterher jagt und dabei ganz unverblümt gesteht, natürlich Viagra zu nutzen, weil er schließlich über 60 sei, geht den Menschen dabei aus. Denn das wäre nicht keimfrei. Einen Lemmy aus dem Bilderbuch hätte man sonst gerne mal zu Gast auf der heimischen Couch: "Guck mal, Alter, meine Sammlung: Ace Of Spades!" Einen Lemmy in realiter könnte man dazu nicht bewegen und sollte er durch widrigste Umstände in die Situation kommen, würde er dich unter den Tisch trinken und anschließend deine Frau und deine Tochter, du weißt schon.

Was irgendwie wieder beruhigend ist, so als Gedanke. Morgen zieh ich frische Socken an.