I'm gonna get up in the morning, I'll believe I'll dust my broom
Robert Johnson
Der heutige Tag hat es in sich. Geschichtlich. Natürlich denkt man in Deutschland beim 8. Mai an die Befreiung vom Nationalsozialismus, respektive spricht vom verlorenen Krieg. Je nachdem, wes Geistes Kind. Davon wird tagsüber das übliche, gedankenschwere Brauenrunzeln zu hören und zu lesen sein.
Aber ein kurzer Blick ins Tagebuch...
2010 saß oben abgebildete Möwe auf einem schottischen Geländer. Oban liegt in den schottischen West-Highlands, hat eine sehr okaye (Pardon, was für ein Wortkotzbrocken) Distillery und wer hier lebt, kennt alle Möwen innert eines Monats beim Vornamen. Keine heißt Jonathan.
1838 fordern die demokratischen Sozialisten in Großbritannien zum ersten Mal das allgemeine und geheime Wahlrecht. Für Männer über 21, versteht sich.
1945 freuen sich 10.000 Menschen in Algerien über den gewonnenen Krieg, veranstalten eine Demonstration -auch zur Unabhängigkeit Algeriens- und werden zusammengeschossen. Ohne Beteiligung der Wehrmacht, quelle surprise.
1973 ergeben sich die Indianer des American Indian Movement nach über zwei Monaten Besetzung von Wounded Knee den Regierungstruppen. Und ziehen sich in ihre Spielcasinos zurück.
1988 reckt Herr Engholm sein Haupt als designierter Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Sein Vorgänger Herr Barschel erlag knapp sieben Monate zuvor der Kollision mit einer Genfer Badewanne.
Im selben Jahr wird Herr Mitterand Generaldirektorpräsident von Frankreich. "Fuck Chirac" war noch Jahrzehnte später an einem Brückenpfeiler nahe der Meuse zu lesen. Ob Herr Hollande das gesprüht hatte?
1886 verkauft John Pemberton erstmals sein Allheilmittel gegen Kopfschmerz und Trägheit. Wir nennen es heute Coca Cola.
1954 das erste "Wort zum Sonntag", 1970 die letzte Platte der BEATLES: Let It Be.
Aber das allerallerwichtigtigste passierte vor 99 Jahren: Robert Johnson kam zur Welt. Und wer jetzt nicht "Wow!" sagt, hat nie Blues, Jazz oder Rock und Punk gehört. Ohne den hätte man auch Son House oder Skip James vergessen. Und Muddy Waters wäre nie passiert. Oder Chuck Berry. Und die Rolling Stones. Und die Beatles. Led Zeppelin. Pink Floyd. Sex Pistols. AC/DC. Nirvana. White Stripes. Wire. Television. Radiohead. Et cetera, ad nauseam.
Also lassen wir mal den kleinen Postkartenmaler und seine Apokalypse und all die Schuld und den Horror beiseite und hören unschuldig und hören froh und hören erstmals und immer und immer wieder "Dust My Broom".
Das ist Medizin.
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08.05.12
29.10.11
Occupy Stammtischluftraum!
Der Herbst naht mit großen Schritten: Blätter vom Baum, Sonne macht sich selten, DAX beliebt zu steigen. Zeit innezuhalten. Da fiel mir das Gespräch mit dieser brunzdummen Buschel wieder ein. War zwar frühsommerlich, aber dem Herbst geschuldet... eine Art halluziniertes Gedankenprotokoll.
E und U? Gibts nicht. Wenn Sie E wollen, fahren Sie zu gegebener Zeit nach Donaueschingen und hören Sie sich 8x24 Minuten Geräusche an. E nicht vergessen, diesmal englisch aussprechen, Ecstasy könte helfen. Aber ansonsten? E und U... ts.
Natürlich Klassiker gelesen hier und den Kanon: Goethe, Schiller, Lessing, Brecht, Böll, Grass. Und im Original Shakespeare, Caesar, Ovid. Und Alighieri. Zwar übersetzt, aber freiwillig. Mit sechzehn. Ob ich ihn verstand? Natürlich nicht komplett. War ich beeindruckt? Abgrundtief! Weshalb? Weil mich ein vermeintlicher Schundroman namens "Das zweite Inferno" zum Original schwemmte. Ich wollte lesen. Und wurde durch Quantenverknüpfung gezwungen, den echten Stoff zu entdecken. Aber lassen wir die subatomare Ebene beiseite, das nötigt unsere Freunde im Saab-Cabrio (mit lauen Arien aus der Stereoanlage) zu abschätzigen Bemerkungen. Mich auch: spätestens seit Michael Bolton Arien aufnahm, ist klar, dass eben da die neue Prollmusik lauert. Und dann kommt mir doch die Endfünfzigerbibliothekarin mit Bukowski. Nach 2000. Als von ihr entdeckter Sensation!
Bukowski las man hier ab den Siebzigern. Pubertär angebracht. Und dann Dick und Clarke und Fauser und Hesse und Simmel und Bayer und Stadler und Irving, Stephenson, Lee. Ohne chronologische Stringenz und ohne zu werten. Lee? Stan Lee, Marvel Comics. Eine Fundgrube für den suchenden Adoleszenten, zumindest früher, als es noch den Williams Verlag gab. Lee bereitete all die vorgenannten Klassiker auf, mundgerecht. Jack Kirby -vermutlich ein Schüler Buonarottis- und Steve Ditko taten als Zeichner das ihre: großes Kino, echtes Leben. Wie ähnelt doch der Spiderman Peter Parker einem jungen Werther, welch unfassbar komplexe Gestalt ist der einsame Silver Surfer? Da geht es hüfttief durch den Sumpf der Jahrhunderte von Williams Stratford-upon-Avon zum Wien Sigmund Freuds.
Also zur Hölle mit dem Bildungsbürgertum! Schön, wenn man die Bücher erfasst hat, nicht nur gelesen; verstanden im Sinne von: das ändert mein Leben. Mein Leben änderten aber Hank Chinaski und AC/DC mehr als Mozart und Uhland. Ist denn eine Diskussion über das Brahmssche in Beethoven etwa anders, als der Vergleich zwischen Eddie van Halen und Yngwie Malmsteen? Vermutlich würde sich die Höhe des sprachlichen Niveaus unterscheiden, zugegeben. Aber im Kern... Gelaber, Halbwissen, Ansichten, Sprüche.
Auch die ungebildete Putzfrau kann ihre Kinderschar in Würden großziehen. Vieleicht schafft sogar eins aus der Brut den Sprung an die Uni. Und wenn das dann an die Doktorarbeit kommt, schreibt's vermutlich nicht mal ab. Trotz streetsmartness, um den Anglizismen eins hinzuzufügen. "Ehre im Ranzen", heißt das.
Und -da ich frei von Ehre oder Tugend bin, aber auch keinen Titel trage- genug der Polemik: jetzt ein Glas Brunello auf die Schuldenkrise, oder wie auch immer das fortwährende Desaster gerade etikettiert wird.
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